LGG 362 – Galaxiengruppe in der Jungfrau

Manche Himmelsregionen werden nicht von einem einzelnen Objekt bestimmt, sondern leben von der Vielfalt im gesamten Bildfeld. Bei LGG 362 im Sternbild Jungfrau sind es vor allem NGC 5363 und NGC 5364, die zunächst den Blick auf sich ziehen.

Bei genauerem Hinsehen wird das Feld jedoch deutlich umfangreicher. Neben mehreren weiteren Mitgliedern der Gruppe verteilen sich zahlreiche kleine Hintergrundgalaxien über die gesamte Aufnahme. Einige sind sofort sichtbar, andere erscheinen erst bei stärkerer Vergrößerung als winzige diffuse oder längliche Strukturen.

Kurzinfos

Objekt: LGG 362 / NGC-5364-Gruppe
Objekttyp: Galaxiengruppe
Sternbild: Jungfrau
Entfernung: rund 60 Millionen Lichtjahre
Mitglieder: NGC 5300, NGC 5338, NGC 5348, NGC 5356, NGC 5360, NGC 5363 und NGC 5364

LGG 362 gehört zur sogenannten Virgo-III-Cloud, einer Ansammlung kleinerer Galaxiengruppen östlich des eigentlichen Virgo-Galaxienhaufens. Die NGC-5364-Gruppe erstreckt sich über ungefähr ein Grad am Himmel und umfasst sieben NGC-Galaxien.

NGC 5363 und NGC 5364

Die beiden auffälligsten Galaxien der Aufnahme könnten optisch kaum unterschiedlicher wirken.

NGC 5364 ist eine nahezu frontal sichtbare Spiralgalaxie mit zwei deutlich ausgeprägten Hauptarmen. Sie gehört damit zu den sogenannten Grand-Design-Spiralgalaxien, bei denen die Spiralarme besonders klar und regelmäßig ausgebildet sind. Nur ein kleiner Teil der Spiralgalaxien zeigt eine derart ausgeprägte Struktur.

Ganz regelmäßig ist NGC 5364 dennoch nicht. Ihre Spiralarme wirken asymmetrisch und stellenweise verzogen. Als Ursache wird eine gravitative Wechselwirkung mit einer benachbarten Galaxie diskutiert. NGC 5363 kommt aufgrund ihrer unmittelbaren Nachbarschaft dafür als Kandidat infrage, wobei auch eine noch frühe Phase der gravitativen Wechselwirkung diskutiert wird.

Eine kleine Besonderheit findet sich auch in der Kataloggeschichte von NGC 5364. William Herschel entdeckte die Galaxie 1786. John Herschel beobachtete sie 1828 erneut, wobei eine fehlerhafte Positionsangabe zu einem zusätzlichen Eintrag im New General Catalogue führte. NGC 5317 wird heute als sehr wahrscheinlicher Doppeleintrag von NGC 5364 angesehen.

Direkt südlich davon liegt NGC 5363. Sie wirkt auf den ersten Blick wesentlich gleichmäßiger und beinahe unscheinbar. Astrophysikalisch ist sie jedoch mindestens ebenso interessant.

NGC 5363 gehört zu den frühen beziehungsweise linsenförmigen Galaxien und besitzt ungewöhnlich ausgeprägte Staubstrukturen. Beobachtungen zeigen eine komplexe, teilweise spiralartige Verteilung von Staub und ionisiertem Gas sowie Schalenstrukturen. Zudem unterscheiden sich die Drehimpulsrichtungen von Gas und Sternen. Zusammengenommen spricht dies dafür, dass zumindest ein Teil des interstellaren Materials von außen aufgenommen wurde, wahrscheinlich durch Akkretion oder eine frühere Verschmelzung mit einer anderen Galaxie.

NGC 5363 besitzt zudem einen LINER-Kern und ist eine bekannte Radioquelle mit kompaktem, jetartigem Kern. Trotz ihres vergleichsweise ruhigen Erscheinungsbildes trägt sie damit deutliche Spuren einer bewegteren Vergangenheit.

NGC 5364 und NGC 5363 mit weiteren Galaxien der Gruppe LGG 362

Weitere Galaxien der Gruppe

Neben den beiden dominierenden Galaxien sind mehrere weitere Mitglieder von LGG 362 im Bildfeld zu erkennen. Besonders auffällig sind NGC 5348 und NGC 5356, die aufgrund ihrer starken Neigung als schmale Galaxien erscheinen. Hinzu kommen NGC 5360 und NGC 5338.

NGC 5300 gehört ebenfalls zu LGG 362, liegt jedoch außerhalb des hier gezeigten Bildfeldes. Die vollständige Gruppe umfasst damit sieben NGC-Galaxien.

Gerade diese unterschiedlichen Formen machen das Feld interessant. Von der ausgeprägten Spiralstruktur von NGC 5364 über die deutlich gleichmäßigere NGC 5363 bis zu den nahezu von der Seite sichtbaren Scheibengalaxien finden sich auf engem Raum sehr unterschiedliche Systeme.

Ausschnitt aus LGG 362 mit mehreren Galaxien und zahlreichen schwachen Hintergrundgalaxien

Zur Orientierung zeigt die annotierte Aufnahme die auffälligsten Galaxien und zahlreiche weitere katalogisierte Objekte im gesamten Bildfeld.

Annotierte Aufnahme der Galaxiengruppe LGG 362 mit NGC 5363, NGC 5364 und weiteren Galaxien

Galaxien weit im Hintergrund

Hinter den Mitgliedern von LGG 362 setzt sich das Galaxienfeld noch weit in die Tiefe fort. In der annotierten Ansicht verteilen sich über praktisch die gesamte Aufnahme zahlreiche katalogisierte PGC-Galaxien, von denen viele wesentlich weiter entfernt liegen als die eigentliche Gruppe.

Auch IC 966 am rechten Bildrand gehört nicht zur eigentlichen Galaxiengruppe. Solche Objekte zeigen schön, wie stark die scheinbare Nähe verschiedener Galaxien auf einer zweidimensionalen Aufnahme über ihre tatsächliche räumliche Lage hinwegtäuschen kann.

Die zusätzliche Galaxienauswertung zeigt schließlich eine große Zahl noch kleinerer Systeme. Viele davon fallen im Gesamtbild kaum auf. Erst in den vergrößerten Ausschnitten werden elliptische Formen, kleine Spiralen und stark geneigte Galaxien sichtbar.

Dadurch entsteht eine interessante räumliche Staffelung: Im Vordergrund liegen die Sterne unserer eigenen Milchstraße, dahinter die Galaxien von LGG 362 und nochmals wesentlich weiter entfernt zahlreiche kleine Hintergrundgalaxien.

Auswertung des Bildfeldes von LGG 362 mit zahlreichen erkannten Hintergrundgalaxien und vergrößerten Ausschnitten

Lage am Himmel

LGG 362 liegt im nördlichen Bereich des Sternbilds Jungfrau, in Richtung der Grenze zum Bootes. Im Vergleich zum Zentrum des Virgo-Galaxienhaufens befindet sich die Gruppe deutlich weiter südöstlich.

Das rot markierte Feld im Finding Chart zeigt den aufgenommenen Himmelsausschnitt.

Lage der Galaxiengruppe LGG 362 im Sternbild Jungfrau

Die Aufnahme

Die Daten für dieses Projekt entstanden innerhalb von vier aufeinanderfolgenden Nächten vom 21. bis 24. April 2026. Mit jeweils etwas mehr als sechs Stunden pro Nacht konnte das gesamte Material innerhalb eines ungewöhnlich kompakten Zeitraums aufgenommen werden.

Gerade für dieses Galaxienfeld war die zusammenhängende Datenbasis hilfreich, da neben den helleren Hauptgalaxien auch zahlreiche sehr schwache und kleine Hintergrundgalaxien sichtbar gemacht werden sollten.

Aufnahmedaten

Teleskop: TS CF-Apo 155
Montierung: Sky-Watcher EQ8-R
Kamera: ZWO ASI 2400 MC Pro
Belichtung: 311 × 300 Sekunden
Gesamtbelichtungszeit: 25 Stunden 55 Minuten
Aufnahmenächte: 4
Zeitraum: 21.04.2026 bis 24.04.2026
Drizzle:

Für mich liegt der Reiz dieser Aufnahme vor allem darin, dass das eigentliche Motiv weit über NGC 5363 und NGC 5364 hinausgeht. Erst beim genaueren Hinsehen wird sichtbar, wie viele weitere Galaxien über das gesamte Feld verteilt sind und wie unterschiedlich ihre Entfernungen tatsächlich sind.

Quellen

  • García, A. M. (1993): General study of group membership. II. Determination of nearby groups.
  • NASA / ESA Hubble: Informationen zu NGC 5364 und ihrer Spiralstruktur.
  • Finkelman et al. (2010): Untersuchung von Staub und Gas in NGC 5363.
  • Courtney Seligman: historische Kataloginformationen zu NGC 5317 / NGC 5364.